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Bundesinitiative
DAHEIM STATT HEIM e.V.
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Hilfe für pflegende Angehörige über das Internet

Interview der Bundesinitiative Daheim statt Heim mit Dr. med. Mercedes Hillen, Geschäftsführerin der Träger-Gesellschaft „Catania - Hilfe für Helfer“ und Diplom-Psychologin Imke Wolf, Leiterin des Projektes des bundesweiten Modellprojekt „pflegen-und-leben.de“*

Daheim statt Heim: Ihre psychologische Online-Beratung „pflegen-und-leben.de“ richtet sich an pflegende Angehörige, die mit dieser Aufgabe an ihre Belastungsgrenzen gestoßen sind. Wie sind Sie darauf gekommen, ein solches Projekt zu entwickeln?

Dr. Hillen: Von den rund 2,3 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland wird fast die Hälfte zu Hause allein durch Angehörige betreut. Pflegende Angehörige erbringen also eine wunderbare, ganz wichtige Leistung. Nur geht diese anstrengende Aufgabe oft einher mit erheblichen körperlichen und seelischen Belastungen, die auf Dauer die eigene Gesundheit bedrohen. Studien belegen, dass pflegende Angehörige häufiger krank sind als Nicht-Pflegende und dass sie sich oftmals stark belastet fühlen. Hierin sehen wir den wichtigsten Ansatzpunkt für unsere psychologische Online-Beratung: Wir wollen die Angehörigen für ihre großartige Arbeit stärken und damit ihre Leistungsfähigkeit erhalten. Denn nur, wer auf sich selbst acht gibt, kann auch für andere da sein. So kommt unser Projekt auch den Pflegebedürftigen zugute, die in ihrem vertrauten Umfeld versorgt werden.

Daheim statt Heim: Und mit welcher Zielsetzung wurde das Projekt gestartet?

Wolf: Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den pflegenden Angehörigen Wege zu finden, dass sich die Pflege befriedigender in ihr Leben einfügen kann. Oft hilft es schon, wenn erkannt und akzeptiert wird, dass die Pflege auch zu Hause besser auf mehrere Schultern verteilt wird. Das schafft nicht nur die unverzichtbaren persönlichen Freiräume für pflegende Angehörige, sondern es wirkt letztlich auch sozialer Isolation entgegen, die nicht selten aus dem Pflegealltag erwächst.

Daheim statt Heim: Gab es keine Bedenken, dass die Beratung ausschließlich in Schriftform über das Internet erfolgt?

Dr. Hillen: Kaum. Die meisten Nutzer-Studien zum Medium Internet attestierten den reiferen Altersgruppen die üppigsten Zuwachsraten. Wir erhalten die mit Abstand meisten Anfragen von 50- bis 69-Jährigen. Unsere bislang älteste Ratsuchende war 83. Für uns war entscheidend, über das Internet bundesweit pflegenden Angehörigen unabhängig von Ort und Zeit Unterstützung bieten zu können. Außerdem wissen wir aus anderen Projekten, dass es vielen Menschen schriftlich leichter fällt, sich hemmungsfrei zu äußern, besonders wenn es um tabu- oder schambesetzte Fragestellungen geht. 

Daheim statt Heim: Wie funktioniert die Beratung und wer leistet sie?

Wolf: Wir sind zwei Diplom-Psychologinnen und ein -Psychologe, wir haben alle eine anerkannte Therapieausbildung und wurden in der Methode der Online-Beratung nochmal speziell geschult. Das ist wichtig, weil in den meisten Beratungsfällen die emotionale Stabilisierung und Begleitung der Ratsuchenden die vorrangige Aufgabe darstellt. Dabei geben wir keine Lösungswege vor, sondern wir thematisieren Ansätze für Veränderungen, um den seelischen Druck aus dem Pflegalltag zu nehmen. Wie bei einem Coaching fordern wir zur Mitarbeit und Bereitschaft des Ratsuchenden auf, sich auf neue Sichtweisen einzulassen. Als Profis erkennen wir schnell, wenn eine seelische Belastung bereits so schwerwiegend ist, dass eine Psychotherapie erwogen werden muss. In diesen Fällen klären wir auf und ermutigen zur Behandlung. Eine notwendige Psychotherapie können und wollen wir mit unserer Online-Beratung nicht ersetzen. 

Daheim statt Heim: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft von „pflegen-und-leben.de“?

Dr. Hillen: Ich wünsche mir schlicht, dass unser Projekt nach Ende der Modellphase im Jahr 2013 in ein reguläres Angebot übergehen wird, damit wir unsere Arbeit fortsetzen können. Der Bedarf ist groß, wie allein schon die Besucher- und Nutzerzahlen des ersten Projektjahres zeigen, und die Wirkung deutlich messbar.

Wolf: Auch ich hoffe, dass wir dauerhaft dazu beitragen können, pflegende Angehörige in ihrer bewundernswerten Arbeit zu stärken und zu entlasten. Das könnte auch die oft zu geringe Akzeptanz pflegender Angehöriger für eine Verzahnung ihrer Arbeit mit ambulanten Pflegeangeboten steigern. Für die Pflegebedürftigen ist unser Anliegen, dass sie möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld optimal betreut werden. Wir alle wünschen uns schließlich später auch, Daheim statt im Heim versorgt zu werden.

Daheim statt Heim: Ich danke für das Gespräch.


Diplom-Psychologin Imke Wolf
Leiterin des Projektes „pflegen-und-leben.de“

Dr. med. Mercedes Hillen
Geschäftsführerin der Träger-Gesellschaft „Catania - Hilfe für Helfer“

weiterlesen: Artikel „E-Mails für die Seele - Die psychologische Online-Beratung „pflegen-und-leben.de“ stärkt pflegende Angehörige“ vom 10.09.2012


* pflegen-und leben, Modellprojekt der gemeinnützingen Gesellschaft Catania, Berlin, www.pflegen-und-leben.de - www.catania-online.org

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