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"Für meine Frau und mich wäre ein Heim der Albtraum"

18.09.2012
Ab Donnerstag 20.9.2012 wird auch in deutschen Kinos der Film „Liebe“ gezeigt.

In einem beeindruckenden Interview vom 18. September 2012 legte Regisseur Michael Hanke seine Gedanken über Altern und Tod, dem Wunsch, nie „in ein Heim zu kommen“, offen.


Der Abdruck des Interviews erfolge mit freundlicher Genehmigung des BZ-Redakteurs Michael Zöllner und der BZ Ullstein GmbH, Berlin.

Mit seinem Film "Liebe" plädiert Michael Haneke für ein würdevolles Sterben. B.Z.-Gespräch Michael Haneke (70) lacht. Das hätte man nicht erwartet. Immerhin wirkt der Regisseur ("Das weiße Band", 2009) meist so grimmig und verschlossen wie seine Filme.

Doch der Österreicher ist gut gelaunt. Dabei zeigt er mit seinem Film "Liebe" (startet Donnerstag) wieder schwere Kost. Haneke erzählt darin von einem älteren Ehepaar, dessen Liebe auf die Probe gestellt wird, als die Frau einen Schlaganfall erleidet. B.Z.-Redakteur Michael Zöllner traf Michael Haneke zum Gespräch.

Herr Haneke, laut Ihrer Frau sollen Sie privat lustig sein. Wer Ihre Filme kennt, erwartet das nicht.

Ich gehe zum Lachen nicht in den Keller. Ich mag Komödien, es gibt nur so wenig gute.

Sie zeigen in "Liebe" schonungslos das Altern. Wie führt man bei Pflegebedürftigkeit ein Leben in Würde?

Ich weiß es nicht. Das hängt von so vielen Bedingungen ab: Habe ich genug Geld, um nicht ins Heim zu müssen? Gibt es Menschen, die sich um mich kümmern? Das muss leider jeder selber hinkriegen.

Wie groß ist Ihre Angst, pflegebedürftig zu werden?

Klar, ist die vorhanden. Das ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann: Nur noch Opfer zu sein, sein Leben nicht mehr selber bestreiten zu können.

Sie haben auch das Drehbuch geschrieben. Wie war die Auseinandersetzung mit einem Thema, das man lieber verdrängt?

Ich suche ja immer Themen, die man lieber von sich wegschiebt (lacht). Das ist das Spannende in einem Drama: Man legt die Finger auf die Wunden. Da spreche ich auch von meinen eigenen Ängsten. Wenn man sich nicht persönlich einbringt, wird es langweilig. Man muss die Geschichte mit Leben füllen. Und wo soll das herkommen, wenn nicht vom Autor selbst?

Der Film soll die Bebilderung eines Versprechens sein, das Sie und Ihre Frau einander gegeben haben. Wie sieht das aus?

Wir werden dem jeweils anderen ersparen, in ein Heim zu kommen, und dafür alle Mittel lockermachen. Für meine Frau und mich wäre ein Heim der Albtraum.

Könnten Sie Ihre Frau pflegen?

Das sagt sich alles immer so leicht, wenn man nicht in der Situation ist. Aber ich halte uns alle zu viel mehr fähig, als wir denken.

Was heißt für Sie, einen Menschen zu lieben?

Sich für ihn verantwortlich zu fühlen. Es ist eine wechselseitige Abhängigkeit. Liebe ist das wirksamste Mittel gegen Einsamkeit.

Ausschlag für den Film soll ein Krankenhausbesuch bei Ihrer Tante, die Sie auch großgezogen hat, gewesen sein.

Meine Tante hatte Krebs, sie war operiert worden und ist dort zum Opfer geworden. Man ist fast entmündigt. Es ist furchtbar, hilflos mit anzusehen, wie jemand Schmerzen hat und keiner hilft.

Sie soll sich selbst getötet haben.

Ja, sie hatte einen Suizidversuch gemacht, und ich hatte sie gerettet, weil ich sie rechtzeitig fand. Als sie im Krankenhaus aufwachte, sagte sie: "Mein Gott, warum tust du mir das an?" Sie wartete zwei Jahre, bis ich auf einem Festival war, dann ist es ihr gelungen. Und sie hatte recht gehabt. Sie war über 90 Jahre alt, sehr wach und energisch. Sie wollte kein Opfer sein und hat das für sich so entschieden.

Inge Meysel hatte eine Pille dabei, mit der sie ihr Leben beenden würde. Könnten Sie sich solch eine Planung für sich vorstellen?

Sicher, natürlich.

Michael Zöllner, Redaktion Kultur, BZ - Postanschrift: BZ Kulturredaktion,Kurfürstendamm 21/22, 10874 Berlin

Das Interview ist auf der Homepage der "BZ" nachzulesen.

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